Nachrichten Ansicht Landeskirche
News
Der Dom im Lauf der Zeiten
Ausstellung in Braunschweig bietet Gang durch 800 Jahre Geschichte
Braunschweig (epd). Im Landesmuseum „Hinter Aegidien“ in Braunschweig ist es laut. Tischler, Elektriker, Maler geben sich die Klinke in die Hand. Es wird gehämmert, gebohrt, gesägt, geschliffen. Auf den Fluren stapeln sich Paletten und Holzlatten neben Farbeimern, Kisten mit Werkzeugen, Spanngurten, Verlängerungskabeln - und Innenarchitekturplänen.
Die Handwerker bauen nicht nur die am 13. November beginnende Ausstellung „800 Jahre Dom“ auf, ihre Arbeit und ihr Können stehen auch sinnbildlich für die Storyline der Ausstellung: bauen, gestalten, verändern. Bauzäune verbinden in der Ausstellung über die Domkirche St. Blasii symbolisch die Zeitepochen - vom Mittelalter über die Barockzeit und die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit und Gegenwart.
„800 Jahre Dom - das hatte immer auch mit Bauen zu tun“, sagt Projektleiterin Gaby Kuper, Expertin für die Epoche des Mittelalters. Der heute evangelische Dom habe sich den Bedürfnissen der Menschen in den Jahrhunderten angepasst. Dynamisch und lebendig. Er wurde erweitert, umgebaut, saniert. Schmuck, Gemälde und Wandmalereien kamen dazu oder wurden entfernt und überstrichen.
Zu jeder Zeit sei der Dom für die Menschen wichtig gewesen, sagt Kuratorin Ulrike Wendt-Sellin, Expertin für Barock und Neuzeit. „Er ist Zeitzeuge der Geschichte und ein Wesen, das sich entwickelt.“
Die Rolle des Doms und seine Bedeutung für die Menschen - dieser Gedanke bildete den Ausgangspunkt, als sich die Kuratoren 2023 im Garten des Landesmuseums erstmals zusammensetzten. Ihr Ziel: ein „Drehbuch“ für die kunsthistorische Ausstellung über die Kirche zu entwickeln.
Kuratoren seien Vermittler, sagt Museumspädagoge Torsten Poschmann. Sie fragten sich, was sie den Besuchern näherbringen wollen und auf welche Weise ihnen das gelingt. Passende Exponate zu finden, spiele dabei eine wichtige Rolle. „Dabei folgen die Objekte nicht nur der Erzählung, sondern geben der Erzählung unter Umständen auch eine neue Richtung“, sagt Christoph Bongert, Experte für Zeitgeschichte im Landesmuseum Braunschweig.
Für die Ausstellung arbeitete das sechsköpfige Kuratoren-Team des Landesmuseums in den vergangenen drei Jahren eng mit dem Braunschweiger Dom und der evangelischen Landeskirche in Braunschweig als Kooperationspartner des Projekts zusammen. Ein weiterer Schwerpunkt der Kuratoren: das Studium von Originalquellen - unter anderem im niedersächsischen Landesarchiv in Wolfenbüttel. „Es gab in der 800-jährigen Geschichte durchaus Lücken, die wir schließen mussten“, sagt Wendt-Sellin.
Exponate und Quellen - eine weitere wichtige Rolle spielen die Räume. Auf rund 850 Quadratmetern werden knapp 300 Ausstellungsobjekte zu sehen sein. Vieles probierten die Ausstellungsmacher aus. Wo kommen die Besucher rein, was sehen sie zuerst, auf welchem Weg geht es weiter?
„Wir haben die uns zur Verfügung stehenden Räume konzeptionell ganz schön durcheinander gewürfelt“, sagt Poschmann. Seine Kollegin Wendt-Sellin ergänzt: „Man kann nicht gegen den Raum arbeiten, man muss mit ihm umgehen.“ Das Ziel: Spannung erzeugen und die Objekte atmosphärisch so inszenieren, dass die Gefühle der Besucherinnen und Besucher angesprochen werden.
Nicht immer klappt das sofort. Mal ist ein Bewegungsmelder im Weg, mal ein Feuerlöscher. Konservatorische Aspekte müssen berücksichtigt werden. Das Licht darf nicht zu hell, das Raumklima nicht zu feucht sein, damit Ausstellungsstücke keinen Schaden nehmen. „Kuratoren müssen Abstriche machen und Kompromisse schließen - nichts ist schlimmer als ein eitler Kurator“, sagt Wendt-Sellin.
Und sie müssen auf die Besucher, deren Bedürfnisse und Erwartungen, eingehen. Barrierefreiheit ist wichtig, jeder soll teilnehmen können. Und das gilt nicht nur für bauliche Hürden, sondern auch für sich verändernde Gewohnheiten und Fähigkeiten. Die Textlänge der Erklärtafeln etwa hat deutlich abgenommen. Waren es vor zehn Jahren noch rund 1.500 Zeichen Textmenge, so sind es heute nur noch 400 Zeichen.
Mitmachen, anfassen, ausprobieren - das wird in der Ausstellung „800 Jahre Dom“ großgeschrieben. Auf der Dombaustelle in einem der Museumsräume können Kinder und Erwachsene einen fünfeinhalb Meter hohen Tretradkran ausprobieren und so ein Gefühl dafür bekommen, wie die Menschen früher schwere Lasten bewegt haben.
In einem anderen Raum wirkt es so, als senke sich gerade die Grabplatte auf die Grabstätte von Heinrich dem Löwen (um 1129/30 oder 1133/35 - 1195) und seiner Frau Mathilde (1156-1189). Ein paar Meter weiter können Besucher den siebenarmigen Bronzeleuchter (um 1170/1180) zusammenpuzzeln oder mithilfe einer digitalen 3D-Rekonstruktion den Dom in seinem offiziellen Weihejahr, 1226, erleben.
Und wer jetzt den Dom St. Blasii besuchen möchte, hat es nicht weit. Zehn Minuten zu Fuß entfernt, auf dem Burgplatz im Zentrum von Braunschweig, steht die Bischofskirche - mit ihrer Welfengruft (1235/1240), dem Marienaltar (1188), den zwölf Glocken und dem berühmten romanischen Imervard-Kreuz (um 1150). Die Ausstellung im Landesmuseum Hinter Aegidien in Braunschweig ist bis zum 23. Mai 2027 zu sehen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17.30 Uhr Eintritt: Erwachsene acht Euro, ermäßigt 6 Euro. Kinder bis fünf Jahre: kostenfrei, 6 bis 17 Jahre: 4 Euro. Familienkarte: 12 bis 16 Euro